Vom Reagieren zum Gestalten

So gelingt Transformation - vorbereitet sein

Etliche Veränderungsprozesse kündigen sich (lange vorher) an. So dürfte zum Beispiel das Ausscheiden der Babyboomer-Generation in den Ruhestand lange bekannt sein – und trotzdem scheinen wir nicht darauf vorbereitet. Wenn dann die ‚Wirtschaftsweise‘ Veronika Grimm vorrechnet, dass allein die niedrigen Pegelstände im Rhein und in anderen Flüssen das deutsche Wirtschaftswachstum in diesem Jahr um bis zu 0,4 Prozentpunkte drücken könnten, dürfte auch niemand wirklich überrascht sein. Schließlich haben seit 1990 insgesamt sechs Weltklimaberichte vorhergesagt, nach welchen physikalischen Gesetzen sich das Klima wie verändert. Und trotzdem scheinen wir über keine Strategien zur Klimafolgenanpassung zu verfügen.

Sowohl der demografische Wandel als auch der Klimawandel sind langfristig wirkende Prozesse, wo die Effekte eines klugen Gegensteuerns erst viel später spürbar und als Rendite eingefahren werden könnten. Zudem fehlte lange ein Wirklichkeitssinn. „Wir wollten den Wandel vermeiden.“ Das jedenfalls ist das Fazit des Publizisten Stefan Klein in seinem 2025 erschienenen Buch „Aufbruch. Warum Veränderung so schwer fällt und wie sie gelingt“. Klein zitiert eine Umfrage unter Tausenden Topmanagern, wonach mehr als 70 Prozent der Vorhaben scheiterten, die auf Veränderung welcher Art auch immer angelegt seien. Warum ist das so?

Warum uns Veränderung so schwer fällt

Eine Erklärung sind wir Menschen selbst, denn in einer unsicheren Welt suchen wir eher Halt und Orientierung in unseren Gewohnheiten, obwohl wir uns Veränderungen öffnen müssten. Dabei kommen die Veränderungen so oder so. Sie lassen sich nicht aufhalten. Veränderung sei, so Klein, „nicht nur ein soziales, sondern vor allem ein kognitives Problem“. Denn unser Gehirn versuche ständig, „die Wirklichkeit mit den eigenen Erwartungen in Einklang zu bringen“. Da aber die Veränderungen so fundamental sind, verfügen wir in unserem Kopf über keinen Bildervorrat, der uns eine entsprechende Zukunft spiegeln kann. Und wenn Menschen sich etwas nicht vorstellen können, dann gibt es das auch nicht.

So waren selbst die Tech-Unternehmen überrascht, als es einer künstlichen Intelligenz gelang, auszubrechen, selbständig zu werden und sich der Kontrolle zu entziehen. Während der Klimawandel die Zivilisation von außen gefährdet, kann eine außer Kontrolle geratene Digitalisierung die Gesellschaft von innen spalten. Das gefährdet unsere Demokratie. Wenn dann übermäßig konservative Kräfte eine vergangene Zeit beschwören, die es zurückzuholen gilt, reagieren wir als Gesellschaft auf dies beschleunigt ändernde Welt deutlich zu langsam.

Gemeinsam Lösungen für Neues entwickeln

Veränderungen setzen voraus, dass wir lernen, einander zuzuhören und einander ernst zu nehmen. Niemand hat ein Rezept für die Herausforderungen, die noch niemand zuvor meistern musste. Aber gemeinsam brauchen wir eine Lösung. Lösungen gibt es, doch sie setzen Veränderungsbereitschaft und -willen voraus.

Vier Schritte, damit Veränderung gelingt

Stefan Klein identifiziert und beschreibt in seinem Buch „Aufbruch“ vier Schritte, die darüber entscheiden, ob Veränderungen gelingen:

  1. Zuerst sei es wichtig, dass Menschen ihre langfristigen Interessen erkennen. Sie sollen aus eigenem Antrieb handeln, sich weniger als Spielball fremder Kräfte fühlen.

  2. Dann gehe es darum Gewohnheiten zu durchbrechen. Es bedarf der Entwicklung neuer, vorteilhafterer Routinen.

  3. Als nächstes gelte es Ansteckungseffekte zu erzeugen, die Einstellungen und Verhalten in einer Gemeinschaft verstärken.

  4. Schließlich gehe es um Erwartungen und Geschichten, die wir über die Zukunft erzählen.

Gemeinsames Ziel bleibe es, Veränderungen aktiv gestalten zu können, sie weniger passiv erleben zu müssen.

Veränderung darf im Kleinen beginnen – und die Kunst des Scheiterns gehört dazu

Aktivist*innen neigen nicht selten dazu, die ganze Welt sehr schnell und ohne Kompromisse von einer Veränderung(snotwendigkeit) überzeugen zu wollen. Dabei ist es aussichtsreicher, zuerst kleine Inseln zu schaffen, an denen es gelingen kann, das Veränderungsverhalten durch Vorbild zu multiplizieren, zum Beispiel in einem Unternehmen, in einem Ortsteil, in einer Organisation. Doch auch solche Prozesse brauchen Menschen, die sich kümmern.

Der frühere amerikanische Präsident Bill Clinton hat einmal gesagt, dass diejenige Person Erfolg habe, die den Mut besitze, „auch zu scheitern“. Diesen Misserfolg im Transformationsprozess dann aber als misslungenen Erfolg zu sehen, bleibt die Kunst.

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Rente mit 70 - die eigentliche Frage ist: Unter welchen Bedingungen?